Liebe Freunde der Galerie,
als Sie unsere letzte Postkarte erhielten, haben Sie sich sicher gefragt, was „diese Ausstellung ist zum Kotzen“ mit unserer Arbeit als Kunstvermittler zu tun hat. Vielleicht erinnerten Sie sich aber auch daran, dass wir bei der letzten art Frankfurt von den Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar bereits „Das Böse“ gezeigt haben. Uns interessieren nach wie vor Grenzbereiche, Überschneidungen, wie gehen die Studenten von Prof. Werner Holzwarth, wie gehen junge „Werber“ mit sozialen, politischen Anforderungen um. Wo es nicht um einen satten Werbeetat geht, sondern um statements zu gesellschaftsrelevanten Themen, vergleichbar mit künstlerischen Aussagen. Jean-Christophe Ammann hat dies schon vor Jahren weitaus besser formuliert; „die Benetton Plakate hängen mittlerweile auch im Museum, denn die Strategie der kommunikativen Grenzverletzung verbindet die Werbung mit der Kunst.“ Deshalb zeigen wir bis 30. Mai das Projekt der Bauhaus-Universität für bfree, dem Netzwerk gegen Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen. Wobei wir diese Kampagne bewusst, als Vorspiel sozusagen, unserer kommenden Ausstellung vorangesetzt haben.
Seit längerer Zeit verfolgen wir die eindrückliche Arbeit eines junger Fotographen, der ursprünglich hier aus der Region kommt. Florian Schwarz aus Konstanz, lebt heute in Berlin, studierte von 2003-2007 Fotographie an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen. Nach einem vom flämischen Bildungsministerium geförderten Fotographieprojekt mit Straßenkindern von Honduras, erhält er ein Stipendium der Dörflinger Stiftung in Kreuzlingen, Schweiz. 2007 gewinnt sein Diplomprojekt „wohinundzurück“ den Fotografiepreis der Akademie und gleichzeitig den Nachwuchswettbewerb „Emerging Talents from Belgian Schools“. „Das Künstlerbuch wohinundzurück von Florian Schwarz beginnt mit einer seitenübergreifenden Bildsequenz, die an ein Roadmovie erinnert; dabei handelt es von einer Reise, die auf den Spuren der Vergangenheit und der eigenen Wurzeln in die deutsche Geschichte eintaucht“.
Auch Florian Schwarz neueste, nun fertiggestellte Arbeit hat etwas von einem Roadmovie, begleitete er doch den Country-Sänger Brent Cunnigham tatsächlich „on the road“ durch Nashville, Tennesse und hat dabei „einen Mann kennen gelernt, der zwischen destruktiven Exzessen und totaler Apathie taumelte, ... den die Perspektivlosigkeit in eine schwere Depression stürzt. Ein Mann in dessen Zügen trotz allem der Stolz einer großen fernen Zeit mitschwingt und dessen Liedtexte wie eine Biographie zu lesen sind: von der Rastlosigkeit und Einsamkeit des Herumziehens, der Heimatlosigkeit und dem Gefühl, irgendwo entlang des Weges etwas wie ein Taschentuch verloren zu haben“.
„ Aber sie haben keine Heimat ..... tituliert Florian Schwarz seinen Essay in dieser fotografischen Annäherung an ein Indianerschicksal, in Anlehnung an die „Regentrommel“ von Tietgens. Eine wunderbare, fadengeheftete Broschüre, die von der Johannes Dörflinger Stiftung 2009 herausgegeben wurde, dokumentiert diese Fragmente einer Biographie. Das amerikanische Heimatgefühl der Ortsgebundenheit, der ambivalente Bezug von Brent Cunnigham zu Nashville und gleichzeitig seine Heimatlosigkeit hat uns veranlasst dieses Projekt von Florian Schwarz in unserem „Heimatzyklus“ zu zeigen.
Monique Würtz schrieb dazu: What’s your story, can I buy you a drink? Eine Frage, die zu einem Projekt führte, das sich über zwei Jahre hinzog und den Abstieg dieses Menschen nachzeichnet, vom lebenszugewandten Liedermacher und Gitarrenspieler zum erbärmlichen Trinker, der langsam vor sich hin verkam. Die letzte Stufe des Menschsein mit zu erleben war eine Extremsituation für Florian Schwarz.
Ausstellungeröffnung Donnerstag 3. Juni 19 Uhr
"and now the dark air is like fire on my skin, and even the moonlight is blinding" aus dem songbook von Brent Cunningham
Ausstellung 3. Juni bis 25. Juli 2010
Florian Schwarz und wir freuen uns auf Sie
Herzlich Ihre Vayhingers