


Die Geschichte unseres Hauses in Möggingen
1150 Jahre Möggingen & 250 Jahre Wild & Wein
von der Tafernwirtschaft Adler ca. 1760 zum Gasthaus zu Möggingen heute 2010
Das Dorf
Am 7. Oktober 860 schenkte König Ludwig der Deutsche, laut einer in Frankfurt ausgestellten und heute im Stiftsarchiv St. Gallen aufbewahrten Urkunde dem Kloster des hl. Otmar in St. Gallen, die im Unterseegau gelegene „villula Mechinga“ mit Eigenleuten, Land, Wiesen, Weiden, Wald und Wassern zusammen mit einem großen Gut (mansus) in Güttingen.
Neben der Anpflanzung von Getreide, Hanf und im 18ten Jahrhundert die Kartoffel,spielte in Möggingen der hier seit 1367 nachweisbare Weinbau eine große Rolle.Noch 1876, als der ADLER vermutlich bereits 100 Jahre alt war, gab es auf der Gemarkung 55 ha Rebland von dem im selben Jahr 730 Hektoliter Weißwein und 41 Hektoliter Rotwein geerntet wurden. 1930 waren allerdings die Mögginger Weinberge auf 5 ha zusammen-geschrumpft. Heute gibt es noch zwei Rebstöcke auf der Gemarkung des ehemaligen Adlers; hier erntet das Gasthaus zu Möggingen im eigenen Garten die Gutedel-Trauben für sein legendäres Traubengelee zu Wildpasteten und Terrinen.
Der deutsche Spätburgunder hat, der Legende zufolge, seinen Ursprung sogar im Bodmaner Königsweingarten, den Karl der Dicke, ein Urenkel des Karl des Großen dort 884 angelegt haben soll.
Deshalb gibt es zum Jubiläum natürlich einen Spätburgunder vom gräflichen Weingut in Bodman und da Liggeringen ehemals zu Möggingen gehörte, einen Weißburgunder vom Winzer Rebholz aus Liggeringen.
Interessant ist, dass Möggingen nachweislich eines der ersten Dörfer war, das die, bis ins 19te Jahrhundert umstrittene, Kartoffel anbaute. Der älteste bekannte schriftliche Beleg über den Anbau von Kartoffeln datiert vom 27. November 1767.
„Nachdem die Gemeind Möckhingen die gnädigste Herrschaft mehrmalen untertänig bittlich angegangen, ihr aus Gnaden einige Erdäpfelländer für die sämtliche Bürgerschaft und Untertanen gegen einen jährlichen Grundzins zukommen zu lassen, den die Gemeind insgesamt jedes Mal abzu-führen sich bereit erklärte, so hat die gnädige Herrschaft in Betrachtung der dermalig so harten und teuren Zeiten und angeborener Liebe gegen ihre Untertanen eingewilligt, hierfür die eigne Peterlinswies bereitzustellen.....“
Das Haus
Neuere Recherchen ergaben, dass die Geschichte dieses Hause bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurückreicht und nicht wie ursprünglich an-genommen 1798 erbaut wurde. Es hatte nachweislich als Torkel gedient und nach einem Umbau 1780 zog wohl Ende des Jahrhunderts der „Adler“ in dieses Haus. Das „Wirthaus zum Adler“, ehemals an der Dorfstraße gelegen, gab es vermutlich bereits seit 1750/60 als einzige Tafernwirtschaft in Möggingen
„Demnach hatte der Wirt einer Tafernwirtschaft, einer sogenannten „vollkommenen Wirtschaft“, nicht nur das öffentliche Schank- bzw. Krugrecht, das Herbergs- und Gastrecht, sowie die Fremdenstallungen (die Versorgung und das Unterstellen der Zug- und Reittiere), sondern er durfte auch Verlöbnismähler (Häftlwein), Hochzeiten, Stuhlfeste, Tauf- und sonstige festliche Mähler ausrichten. Der Wirt durfte Bier, Wein und Branntwein ausschenken. Mit Wein wurden früher Rechtsgeschäfte betrunken. Zum Tafernrecht gehörte auch das Braurecht, das Brennrecht und die Backgerechtigkeit, also das Recht, einen Backofen anzulegen und Brot zu backen. Die Tafernwirtschaft musste wandernde Handwerks-gesellen gegen Geld oder handwerkliche Gegenleistungen beherbergen, sie hatte also soziale Verpflichtung. Ferner wurde bei Todesfällen der Leichenschmaus in der Taverne abgehalten, sowie die Nachlassverhandlungen geführt. War kein Amtshaus vorhanden, fanden dort auch Gerichtsverhandlungen statt. Die Taferne war der kommunale Mittelpunkt in weltlichen Angelegenheiten der Bewohner des Dorfes.
Ein Wirt ohne Tafernrecht war lediglich Zapfwirt.“*
In der wechselvollen Geschichte diese Gasthauses war es nur für kurze Zeit in den 70er Jahren des 20ten Jahrhunderts zweckentfremdet genutzt worden. Als Werner und Helena dieses Haus 1980 in erster Linie für ihren Galeriebetrieb erwarben, hatten sie aber gleich daran gedacht, die alte Tradition des Wirtshauses wieder aufleben zu lassen mit den modernen Anforderungen an ein Gasthaus; mit dem unveränderten Gast- und Herbergsrecht, als kultureller Anlaufpunkt für die Region und anstelle der wandernden Handwerksgesellen traten jetzt die Künstler.
Die eigentliche „Wirtschaft“ war ursprünglich im Haupthaus untergebracht. In diesem liegen heute die individuellen Gästezimmer und ein Teil wird privat bewohnt. Im heutigen Gasthaus und der separaten Galerie lagen früher die Ställe und die Remisen, die Vayhingers im Zuge der Gesamtrenovation 1980/81 aus- und umbauten. Ein glücklicher Umstand war, dass das jahrhundertealte Fachwerk, versteckt hinter einer hässlichen Fassade, bewahrt wurde und im Zuge dieser Renovierung freigelegt und somit dem Dorfbild wieder angepasst werden konnte.
Entstanden ist in diesem geräumigen Haus ein Ensemble aus drei, wenn man so will, kulturellen Einrichtungen. Die „Wirtschaft“ wurde umbenannt in „Gasthaus zu Möggingen“, um die Zugehörigkeit zum Dorf zu manifestieren, und um die Gastlichkeit ins Zentrum zu stellen. Erst war es Weinstube, in Anlehnung an den Torkel und heute ist es ein Gasthaus, weit über die Grenzen bekannt für im wahrsten Sinne ausgezeichnetes regionales und saisonales Essen (z.B. aufgenommen im Guide Michelin).
Dann das Gästehaus mit wenigen Zimmern und seinem ganz besonderen Flair, denn die Zimmer werden in unregelmäßigen Abständen von Künstlern gestaltet, deren einzige Auflage ist, ein ungehinderter Zugang zum Bett und der sanitären Einrichtung zu erhalten.
Und die natürlich Galerie; bereits 1970 gegründet, bekannt für die Präsentation von internationaler Gegenwartskunst und als Verständigungsbrücke sozusagen zur Vergangenheit die „Klassische Moderne“; hier ausgewählt und spezialisiert auf die Künstler, die am Bodensee zum Teil in unmittelbarer Nähe gelebt haben, wie Otto Dix, Erich Heckel, Max Ackermann, Julius Bissier und Willi Baumeister, der sogar hier in Radolfzell sein Manifest „das Unbekannte in der Kunst“ fertiggeschrieben hat.
Dieses Konzept in der Kunstvermittlung, die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, war auch in der Renovierung des Hauses der Grund-satz von Werner und Helena Vayhinger; das Alte mit seinem ganzen Charme zu erhalten und was neu gemacht werden musste, mit den heutigen Materialien und dem Lebensstil unserer heutigen Zeit, vor allem aber eben auch mit ihrer Arbeit, der Vermittlung von Gegenwartskunst, zu verbinden. Diese Haltung haben Vayhingers 1993 konsequent fortgesetzt mit dem kleinen Betonanbau für die Galerie, der sehr gelungen mit der alten Bausubstanz korrespondiert.
Vielleicht war überhaupt schon die Idee spleenig, mit der Galerie für Moderne Kunst in ein jahrtausend altes Dorf zu ziehen. Vayhingers lieben eben das Außergewöhnliche und sie setzen dies mit erstaunlicher Konsequenz um. So sind sie auf dem Fleckchen Erde am Mindelsee Exoten geblieben und doch gehören sie zum Dorfbild, als wäre alles nie anders gewesen.
* Wahrig Fremdwörterlexikon




